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Wieso werden Vegetarier zu Ex-Vegetariern?

(Kommentare: 1)

Im Canadian Journal of Diatetic Practice and Research wurde vor Kurzem eine Studie der beiden Wissenschaftler  Menzies & Sheeshka, (2012) veröffentlicht, die sich mit der Frage beschäftigt,  wie Vegetarier zu Ex-Vegetariern werden. Hierfür wurden semi-strukturierte Interviews mit 19 Ex-Vegetariern und 15 Vegetariern durchgeführt.

 

Das sind die Ergebnisse

 

Der Vergleich zwischen den Ex-Vegetariern und den weiterhin vegetarisch lebenden Studienteilnehmern zeigte, dass beide Gruppen sich vorwiegend aus ethischen Gründen für den Vegetarismus entschieden. Allerdings dominierte bei den Ex-Vegetariern eine allgemeine Sorge um das Wohlergehen von Tieren und um die Umwelt. So war bei den Ex-Vegetariern beispielsweise die Ablehnung konkreter Tierhaltungspraktiken, wie der Massentierhaltung, ein häufiges Motiv für die vegetarische Lebensweise. Bei den am Vegetarismus festhaltenden Personen war demgegenüber als Begründung für die Entscheidung, Vegetarier zu werden, stärker eine Orientierung an dem Postulat der Tierrechte erkennbar, gemäß dessen Tiere in ähnlicher Art und Weise wie auch Menschen ein Recht auf Leben haben und die Tötung von Tieren zum menschlichen Konsum als ein speziesistisches Unrecht abzulehnen ist. 

 

Dieser Befund weist darauf hin, dass eine Verankerung des Tierrechtegedankens als Begründung für eine vegetarische Lebensweise die Aufrechterhaltung des individuell praktizierten Vegetarismus fördert. Eine allgemeinere Orientierung am Wohlergehen von Tieren scheint demgegenüber zu einer zeitlich weniger stabilen vegetarischen Praxis zu führen. 

 

Bezüglich der konkreten Gründe für die Aufgabe der fleischlosen Ernährung berichteten Ex-Vegetarier insbesondere von Erschwernissen, die ihnen die vegetarische Ernährung bereitet habe. Betont wurden höhere Zeit- und Kostenaufwände für die eine vegetarische Ernährung, aber auch soziale Erschwernisse, die dadurch entstünden, dass Freunde und Bekannte weiterhin Fleisch essen würden. Demgegenüber berichteten Vegetarier, die an ihrer vegetarischen Lebensweise festhielten, von vermehrter sozialer Unterstützung für ihre vegetarische Ernährung, einschließlich Rezepteaustausch mit anderen Vegetariern, aber auch über positive Resonanz für ihre vegetarische Lebensweise durch das nicht-vegetarische soziale Umfeld.

 

Während typischerweise für eine fleischlose Ernährung vielfältige gesundheitliche Faktoren angeführt werden können, gaben die Ex-Vegetarier auch gesundheitliche Gründe gegen die Fortsetzung der vegetarischen Ernährung an. Dabei wurden nicht konkrete und objektivierte Erkrankungen, sonder eher subjektive Unpässlichkeiten, wie Müdigkeit, angeführt. Der Eindruck, aufgrund einer vegetarischen Ernährung an Fitness zu verlieren, scheint ein  Faktor zu sein, der zu einem erneuten Rückgriff auf Fleisch als Nahrungsmittel führen kann.

 

Recht oft waren kritische Lebensereignissen, wie Arbeitsplatzwechsel, Auslandsaufenthalte oder partnerschaftliche Trennungen, Anlass, die vegetarische Lebensweise aufzugeben. Kritische Veränderungen der Gesamtlebenskonstellation scheinen insofern die Wahrscheinlichkeit auch für eine Aufgabe einer vegetarsichen Lebensweise zu erhöhen.

 

Typischerweise wurde die Aufgabe der vegetarischen Ernährung durch die Ex-Vegetarier nicht als eine Einzelereignis, sondern als ein Prozess beschrieben. Ein Anfang der Abkehr vom Vegetarismus war bespielsweise die Definition von Ausnahmen, wie die gelegentliche Zulassung nicht vegetarischer Lebensmittel in bestimmten sozialen Situationen. Inkonsequenz scheint insofern die gänzliche Aufgabe einer fleischlosen Kost zu fördern.

 

Beschrieben wurden auch schrittweise Einstellungsänderungen infolge von neuen Lebenserfahrungen oder der verstärkten Auseinandersetzung mit Alternativen zur Massentierhaltung. Hier kam insbesondere den Möglichkeiten der Bio-Fleischproduktion ein hohes Gewicht für die Aufgabe der vegetarischen Ernährung zu. Ex-Vegetarier berichteten spezifisch, dass sie durch das Bio-Fleisch ihre Wertschätzung des Wohlergehens für die Tiere mit dem Konsum von Fleisch vereinbaren könnten. Bio-Fleisch wurde dabei von den Ex-Vegetariern als Ausdruck einer Alternative zur Massentierhaltung gesehen, dessen Nutzung nicht ethisch verwerfliche Tierausbeutung und Tierquälerei, sondern Ausdruck eines Lebenszyklus sei.

 

Bewertung aus tierrechtlicher Perspektive

 

Die Befunde verdeutlichen, dass die Aufrechterhaltung einer vegetarischen Lebensweise durch vielfältige Faktoren, wie erlebte Erschwernisse,  subjektive Fitnessbeeinträchtigungen und kritische Lebensereignisse gefährdet werden kann. Dabei sind vegetarisch lebende Personen umso empfänglicher für diese potentiell erneut zu einer fleischbasierten Ernährung führenden Einflüsse, desto weniger stringent ihre Entscheidung, Vegetarier zu werden, auf  fundamentalen ethischen Prinzipien beruhte.

 

Demnach führt die individuelle Annahme des Postulates der Tierrechte zu einer hohen Robustheit der vegetarischen Ernährung und kann deren Aufrechterhaltung auch dann absichern, wenn Erschwernisse wahrgenommen werden, kritische Lebensereignisse eintreten oder subjektive Beeinträchtigungen des Wohlbefindens erlebt werden. Zwar sind auch tierrechtlich motivierte Vegetarier nicht unbeeinflussbar durch entsprechende Faktoren, sie werden aber aufgrund der stärkeren ethischen Verankerung ihrer vegetarischen Lebensweise größere Anstrengungen unternehmen, um Erschwernisse zu überwinden und bei auftretenden Komplikationen an der vegetarischen Ernährung festzuhalten, z.B. auch durch eine Optimierung und bessere Planung ihrer Ernährung.

 

Aus tierrechtlicher Sichtweise hochgradig bedeutsam ist der hier empirisch aufgezeigte Einfluss der Verfügbarkeit des Bio-Fleisches auf die Entscheidung, die vegetarische Lebensweise abzubrechen. Das Aufeinandertreffen einer weniger starken ethischen Fundierung der eigenen vegetarischen Lebensweise mit der Verfügbarkeit von Bio-Fleisch scheint dabei die Abkehr vom Vegetarismus zu fördern.

 

Da die Ex-Vegetarier in den Interviews die Tötung von Tieren für den menschlichen Zweck nicht prinzipiell ablehnten, sondern eine deutlich allgemeinere Sorge über ihr Wohlergehen formulierten,  waren sie auch empfänglicher für die Argumentation der Bio-Fleisch-Produzenten, dass ihre Flesich-Produktion mit dem Wohlergehen der Tiere vereinbar sei.  Damit wird aufgezeigt, dass die Verfügbarkeit von Bio-Fleisch die Ausbreitung einer fleischlosen Ernährung behindern kann, indem solche Menschen wieder für eine Fleischernährung gewonnen werden, die eigentlich aus Gründen des Wohlergehens der Tiere eine fleischkritische Einstellung aufweisen. Zu vermuten ist, dass die  Verfügbarkeit von  Bio-Fleisch  bereits bei vielen Konsumenten sogar früher eingreift und bereits die Annahme einer vegetarischen Ernährungsweise im Vorfeld verhindert, da eine solche Ernährung aufgrund der Verfügbarkeit der Alternative des Bio-Fleisches nicht für erforderlich gehalten wird.

 

Handlungsimplikationen

 

Aus tierrechtlicher Sichtweise wird die Ausbreitung einer fleischlosen und insbesondere einer konsequent veganen Lebensweise als ein wichtiges gesellschaftliches Ziel gesehen. Denn eine Umsetzung von Tierrechten ist nur durch eine fleischlose Kost und letztlich nur durch eine vegane Lebensweise möglich.

 

Wird die Förderung einer fleischlosen Ernährung als Ziel angesehen, ergeben sich aus den Forschungsbefunden von Menzies & Sheeshka folgende Schlussfolgerungen:

 

-  Menschen sollten insbesondere auch mit ethischen Argumenten für die fleischlose Ernährungsweise gewonnen werden. Je stärker es gelingt, das Konzept der Tierrechte gesellschaftlich und individuell zu verankern, desto eher werden Menschen am Vegetarismus auch bei auftretenden subjektiven oder objektiven Erschwernissen festhalten. Der explizite Rückgriff auf das Konzept der Tierrechte dürfte dabei zu besseren Erfolgen führen als nur allgemeinere tierschutzbezogene Argumente, die vor allem einzelne Haltungsformen, wie die Massentierhaltung, tangieren.  Je stärker eine tierrechtliche Begründung des Fleischverzichtes etabliert wird, desto eher dürfte damit im Übrigen eine vegane Lebensweise als konsequente Form des Vegetarismus gefördert und gefordert werden.

 

- Vegetarier mögen  zu Ex-Vegetariern werden, weil ihnen die vegetarische Lebensweise als vergleichsweise zu schwer erscheint. Zusätzlich zur Verankerung der Tierrechts-Idee zur Stabilisierung einer vegetarischen Lebensweise ist es daher hilfreich und notwendig, Menschen Hilfestellung zur Verfügung zu stellen, um scheinbare oder tatsächliche Erschwernisse zu überwinden, ohne die vegetarische Lebensweise in Frage zu stellen. Soziale Unterstützung  im Sinne einer Vernetzung mit gegenseitigen Beratung und Bestärkung vegetarisch und vegan lebender Menschen dürfte hier ein zentraler Faktor sein. Dies betrifft gerade auch die Beratung über eine gesunde, abwechslungsreiche, erschwingliche und leicht zuzubereitende fleischlose und vegane Kost.

 

- Die Bio-Fleisch-Produktion und ihr Marketing als „Fleisch aus artgerechter Haltung“ ist als Gegenposition zum Vegetarismus zu verstehen, deren Verbreitung die Verbreitung des Vegetarismus gefährdet und deren Argumentation, wenn sie individuell überzeugt, zu einer Abkehr von der vegetarischen Lebensweise führen kann. Von zentraler Bedeutsamkeit dürfte hier eine Aufklärung über die tatsächlichen Verhältnisse in der Bio-Fleisch-Produktion sein, die  notwendigerweise mit Ausbeutung und Instrumentalisierung von Tieren sowie mit immensem Tierleid einhergeht, welches jedoch oftmals mithilfe der Marketing-Euphemismen von den „glücklichen Tieren“ bar jeder Realität überdeckt wird. Aufklärung über den tierwidrigen Charakter der Bio-Fleisch-Produktion ist im Sinne einer Immunisierung erforderlich, da ansonsten - und insbesondere wenn keine dezidierte internalisierte tierrechtliche Begründung des eigenen Vegetarismus vorliegt – das Marketing von Bio-Produkten den mit weitaus weniger Finanzressourcen ausgestatteten Anstrengungen zur Etablierung des Vegetarismus zuwiderlaufen und diese außer Kraft setzen könnte.

 

Quelle:

 

Menzies, K; Sheeshka, J;  (2012)  The process of exiting vegetarianism: an exploratory study. Canadian Journal of Dietetic Practice and Research, 164-168

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Kommentar von Charle |

Sehr guter Bericht!!
Ich kann es überhaupt nicht nachvollziehen, wie man nach der Entscheidung, vegetarisch zu leben wieder anfangen kann Fleisch zu essen. Und auch dass das soziale Umfeld manche Leute beeinflusst, ist erschreckend. Bin selbst Veganerin und es bestärkt meine Einstellung eher, wenn jemand meine Ernährung anzweifelt.