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FOCUS-Verzerrungen über Vegetarier und Veganer

(Kommentare: 4)

"Obst statt Fleisch": FOKUS verpasst den Trend!

In einem Artikel unter dem Titel „Wer isst besser?“ setzt sich der FOCUS mit den Thematiken Fleischverzicht, Vegetarismus und Veganismus auseinander.  Der FOCUS beginnt zunächst eher positiv gegenüber dem Vegetarismus, stellt negative Folgen der Nutztierhaltung dar und verweist auf einen Trend zum Vegetarismus, der nach einer Allenbach-Umfrage bereits fast sieben Millionen Menschen in der Bundesrepublik Deutschland erfasst habe.

 

Schön wäre es! Aber so viele Vegetarier gibt es in Deutschland tatsächlich nicht. Bekannt ist, dass in Meinungsumfragen sich viel mehr Menschen als Vegetarier bezeichnen, die tatsächlich nicht vegetarisch leben. Wird demgegenüber konkret nach den zuletzt konsumierten Lebensmitteln gefragt, zeigen sich weitaus geringere Vegetarier-Raten. Entsprechend fand die Nationale Verzehrstudie II auf der Basis konsumierter Lebensmittel 2008 eine Vegetarier-Rate von 1,6% in der Bundesrepublik Deutschland, wobei hier allerdings noch die Fisch-Esser mit eingerechnet waren. Eine neue Greenpeace-Studie berichtet einen Vegetarier-Anteil von 3%, wobei bei Lesen des Artikels im Greenpeace Magazin allerdings auffällt, dass nur zwei Prozent der Befragten angaben, keinerlei Fleisch gegessen zu haben, was die Befunde recht nah an die Ergebnisse der Nationalen Verzehrstudie II heranrückt.

 

Dennoch sind die Ergebnisse typischer Meinungsumfragen, wie der von Allensbach, nicht komplett falsch. Sie weisen tatsächlich auf eine zunehmende Popularität des Vegetarismus hin, auch wenn die meisten der neuen Vegetarier noch keine echten Vegetarier sind, sondern wohl am ehesten als Semi-Vegetarier, Teilzeitvegetarier oder Flexitarier zu bezeichnen sein dürften.

 

Nachfolgend entwickelt der FOCUS sich jedoch immer mehr zu einem höchstens noch selektiv die Fakten zur Kenntnis nehmenden Propaganda-Artikel speziell gegen die vegane Lebensweise und am Ende gar gegen den Fleischverzicht im Allgemeinen.

 

Zunächst beginnt es noch recht harmlos, indem der FOCUS lediglich anzweifelt, dass die vielfältigen gesundheitlichen Vorteile des Fleischverzichtes tatsächlich auf die vegetarische Lebensweise an sich zurück  gehen:

 

„Ob Fleischverzicht tatsächlich der Gesundheit dient, ist bis heute nicht sicher geklärt. Studien kommen zu widersprüchlichen Ergebnissen. Brauchbare Vergleichsdaten sind deshalb so schwer zu erlangen, weil Vegetarier typischerweise weniger Alkohol trinken, seltener rauchen, schlanker sind und mehr Sport treiben – also insgesamt gesünder leben“.

 

Zwar stimmt es, dass Vegetarier im Durchschnitt einen gesünderen Lebensstil pflegen, jedoch zeigen die vorliegenden Studien übereinstimmend, dass die gesundheitlichen Vorteile des Vegetarismus nicht durch Unterschiede im sonstigen Gesundheitsverhalten erklärt werden können.

 

Besonders aussagekräftig sind hier die Ergebnisse der sogenannten Adventisten-Studien, die das Ernährungsverhalten, sonstiges Gesundheitsverhalten  und Erkrankungshäufigkeiten bei Sieben-Tages-Adventisten zum Thema haben. Sieben Tages-Adventisten betrachten den Körper als Tempel Gottes und sind daher verpflichtet, ihn gesund zu halten.  Entsprechend sind viele, aber keineswegs alle, Sieben-Tages-Adventisten Vegetarier, wobei es auch recht viele vegan lebende Menschen unter den Sieben-Tages-Adventisten gibt. Rauchen und übermäßiger Alkoholkonsum treten bei Sieben-Tages-Adventisten selten auf und ebenfalls achten Sieben-Tages-Adventisten in anderen Bereichen, wie der Bewegung, in besonders hohem Ausmaß auf ihre Gesundheit.

 

Die Untersuchung von Sieben-Tages-Adventisten zeigt eindeutig, dass Vegetarier seltener an Krebs, Herzerkrankungen oder Diabetes leiden als Fleischesser, zudem einen geringeren Blutdruck, einen geringeren BMI  und günstigere Blutfette aufweisen. Die Unterschiede lassen sich nicht auf andere Aspekte des Gesundheitsverhaltens zurück führen und vor allem weisen die günstigsten Werte Veganer auf, also Menschen, die einen besonders konsequenten Vegetarismus im Sinne des vollständigen Ausschlusses tierischer Produkte aus ihrer Ernährung betreiben (siehe hier, hier und hier).

 

Während die im FOCUS dargestellte Sichtweise noch als Ausdruck einer übervorsichtigen Befundinterpretation gewertet werden mag, nimmt der Artikel im Folgenden eine scharfe anti-vegane Wende; Originalton FOCUS:

 

„Ein Positionspapier der amerikanischen und der kanadischen Gesellschaft der Ernährungswissenschaftler stellt fest, dass vegetarische Ernährung „eine Reihe von Vorteilen“ hat, etwa niedrigere Cholesterinwerte und weniger Bluthochdruck. Weitgehend einig sind sich die Mediziner darüber, dass Veganismus, also der völlige Verzicht auf alle tierischen Produkte, ein Gesundheitsrisiko darstellt, insbesondere für Kleinkinder.“

 

Der FOCUS verweist auf die Stellungnahme der amerikanischen und kanadischen Gesellschaft der Ernährungswissenschaftler, der sich im übrigens ebenfalls der weltweit größte Verband von Kinderärzten, die Academy of Pediatrics, angeschlossen hat, lässt jedoch deren positive Einordnung des Veganismus weg, um sodann zu der hiermit in gänzlichem Widerspruch stehenden Behauptung überzuleiten, die meisten Mediziner seien sich einig, dass die vegane Lebensweise ein Gesundheitsrisiko darstelle, welches angeblich insbesondere für Kleinkinder gelte.

 

Tatsächlich steht jedoch in der Stellungnahme der US amerikanischen und kanadischen ernährungswissenschaftlichen Verbände Folgendes:

 

"Eine vegetarische wie auch die vegane Ernährung entsprechen den gegenwärtigen Empfehlungen für alle diese Nährstoffe. In manchen Fällen kann die Gabe angereicherter Nahrungsmittel oder von Nahrungsergänzungsmitteln hilfreich sein, um den Bedarf für einzelne Nährstoffe gemäß den aktuellen Empfehlungen zu decken. Gut geplante vegane und andere Formen der vegetarischen Ernährung sind für alle Phasen des Lebenszyklus geeignet, einschließlich Schwangerschaft, Stillzeit, früher und späterer Kindheit und Adoleszenz (siehe hier).

 

Indem der FOKUS auf die Stellungnahme der US und kanadischen Ernährungswissenschaftler zurückgreift, dann jedoch deren positive Einordnung des Veganismus verschweigt, betreibt er eine unlautere Berichterstattung, die nicht mehr den Anforderungen an objektive Informationen oder nachvollziehbarer Bewertung entspricht.

 

Dies betrifft auch ein ausgesprochen tendenziös geführtes Interview mit der Ernährungswissenschaftlerin Prof. Kersting, die vor einiger Zeit in die Schlagzeilen geriet, weil sie entgegen der tatsächlichen Befunde einer durch die Fleischlobby finanzierten eigenen Untersuchung  und entgegen der Empfehlungen der WHO dafür plädierte, dass stillende Mütter noch vor dem sechsten Monat ihren Kindern zusätzlich Beikost mit Fleisch geben sollten. Frau Prof. Kersting ist seit Jahren als Gegnerin der veganen Lebensweise bekannt, benennt aber tatsächlich in dem FOKUS-Interview keinerlei substantielle Befunde, die gegen eine vegane Ernährung sprechen würden, es sei denn das ABC der veganen Ernährung, nämlich die Sicherstellung der Vitamin B12 Zufuhr würde vernachlässigt werden. 

 

Auffällig an der Interviewführung ist die komplette Einseitigkeit der Frage, wobei beispielsweise jede Frage nach möglichen gesundheitlichen Vorteilen einer veganen Ernährung fehlt. Empörend ist aber die  Diskreditierung von Eltern, die ihre Kinder vegan ernähren, indem auf Eltern verwiesen wird, die ihre Kinder nur noch mit Reiskeksen ernährt hätten, was nichts mit einer veganen Ernährung zu tun hat, aber dazu geeignet ist, eine völlig unberechtigte Assoziation zwischen veganer Ernährung und Kindesmisshandlung zu begründen.

 

Ganz im Sinne der soeben durch Ignorierung der Fakten vorgebrachten propagandistischen Kritik der veganen Ernährung, endet der FOKUS schließlich unter der Unterüberschrift „Der Mensch ist nicht als Vegetarier konzipiert“ mit einer positiven Betrachtung der sogenannten Paläo-Ernährung. Diese soll angeblich der Ernährung der Steinzeit entsprechen -was freilich mit wissenschaftlichen Fakten nichts zu tun hat. Inhaltlich kennzeichnet sich die Paläo-Ernährung durch einen besonders hohen Anteil an Fleisch, Eiern und entsprechend gesättigten Fetten. Diese Ernährungslehre steht im Widerspruch zu sämtlichen Studienbefunden, die belegen, dass erhöhter Konsum von Fleisch und gesättigten Fetten zu Gesundheitsschäden führt.

 

Ganz am Schluss wird der Verzicht auf Fleisch - sicher im Sinne der Anhänger der angeblichen Steinzeit-Kost - als dekadente Erscheinung einer Wohlstandsgesellschaft eingeordnet, obwohl in Wirklichkeit nicht der niedrige, sondern der hohe Fleischkonsum Ausdruck einer dekadenten Wohlstandsgesellschaft ist, die zudem weltweit mit dazu beiträgt, unsere Umwelt zu zerstören und den Hunger auf der Welt zu fördern.

 

Bewertung des FOCUS-Artikels

 

Dieser FOCUS-Artikel zu einem vielversprechenden Thema verpasste es, seine Leser und Leserinnen angemessen zu zu informieren und damit gleichzeitig mit journalistischen Mitteln einen Beitrag zur Förderung von Gesundheit, Umweltschutz und Tierschutz zu leisten. Stattdessen stellt sich der FOCUS-Artikel dar als durch Verzerrung von Fakten und Auslassungen begründete anti-vegane Propaganda, die sich im Verlauf zu einer anti-vegetarischen Propaganda bzw. pro-Fleisch Propaganda im Allgemeinen entwickelt und schließlich nur noch beim Obskurantismus der Paläo-Ernährungslehre Zuflucht finden kann; einer ethisch bedenklichen pseudowissenschaftlichen Ernährungslehre, die alles auf den Kopf stellt, was empirisch über gesunde Ernährung bekannt ist. Der Bericht des FOKUS kann in Schulnoten so nur als mangelhaft bewertet werden.

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Kommentar von Astralia |

Ich kann hier nur feststellen dass ich vegan lebe, dass es mir vorher nie so gut gegangen ist wie jetzt und dass hinter diesem ganzen Artikel die Fleischlobby steckt und offensichtlich hier ihre Finger im spiel hat. Anders kann ich mir den Wandel der Meinung in diesem Artikel nicht erklären.

Kommentar von Keiner |

Ich finde den Artikel recht sachlich. Man kann nicht jede Studie berücksichtigen. Wichtig ist, was die Mehrheit der Ernährungsexperten sagt.

Kommentar von Keiner |

Ein Medium, das Veganismus als gesund empfiehlt, könnte ich von vornherein nicht ernst nehmen und würde es dann wohl auch nicht mehr lesen.

Kommentar von Team Vegetarier.eu |

@ Keiner

Denkst du da nicht widersprüchlich? Wir zeigen auf, dass die weltweit größten Vereinigungen und Ernährungsexperten und auch die weltweit größte Vereinigung von Kinderärzten, die vegane Ernährung als für Schwangere, Stillender und Kleinkinder geeignet halten. Wer ist denn nun die Mehrheit von Ernährungsexperten? Die Mehrheit ist doch ganz offensichtlich pro vegan! Du könntest also ein Medium nicht ernst nehmen und würdest es nicht einmal lesen, wenn es den Veganismus als gesunde Ernährung empfiehlt. Wenn also die vegane Ernährung nun einmal gesund ist, dann könntest du das also niemals erfahren, weil du es nicht lesen würdest...