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Fleischesser verleugnen ihre eigenen Bedenken gegen Fleischkonsum

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Eine neue Studie von Rothgerber (2014) zeigt, dass Fleischesser trotz Wissen um das durch die Fleicherzeugung verursachte Leid im Regelfall an ihrem Fleischkonsum festhalten. Dadurch entsteht bei Fleischessern ein Widerspruch (Dissonanz) zwischen ihrem Verhalten (Konsum von Fleisch) und ihrer eigenen Bewertung (Fleisch essen ist problematisch).

 

Um dennoch an ihrem Fleischkonsum festhalten zu können, greifen Fleischesser auf systematische Strategien der Verdrängung, Verleugnung und Rechtfertigung zurück:

 

-   Vermeidung :  Es werden Informationen vermieden, die mit dem eigenen Verhalten nicht vereinbar sind. „Wegschauen“ ist ein typisches Beispiel einer Vermeidungsstrategie.

 

- Dissoziation:  Tier und Fleisch werden voneinander getrennt. Am besten sollte das verzehrte Fleisch keine Erinnerung daran auslösen, dass es von einem lebenden Tier stammt.  

 

- Leugnung des Tierleides: „Tiere leiden nicht wirklich“ oder „Schlachtungen erfolgen mit Betäubung“ sind Beispielsstrategien, um sich mit der Sachlage, dass Nutztierhaltung immer mit Tötungen verbunden ist, nicht auseinandersetzen zu müssen.

 

-  Leugnung geistiger Prozesse beim Tier: Es werden angenommene Unterschiede zwischen der geistigen Leistungsfähigkeit von Tieren und Menschen betont, um hieraus – wenn es daraus eigentlich auch nicht folgt (siehe Interview mit Prof. Dr. Bernhard Taureck)  – ein Recht auf Tötung der Tiere abzuleiten.

 

-  Pro-Fleisch Argumentation (Verkehrung ins Gegenteil):  Es wird dargelegt, dass es gut sei, Fleisch zu essen, dass es von Gott oder der Natur gewollt sei, dass Tiere dies auch täten …

 

-  Illusionäre Verhaltensänderung: Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Menschen oftmals angeben, vegetarisch zu leben, obwohl sie dann in Lebensmittelfragebögen angeben, Fleisch zu essen. Andere mögen angeben, wenig Fleisch zu essen, nur Bio-Fleisch zu essen und sich als Flexitarier bezeichnen.

 

-  Alternativlosigkeit: Fleischkonsum sei alternativlos, weil notwendig. Fleisch sei für die Ernährung der Menschen und ihre Gesundheit erforderlich.

 

Rothgerber zeigt nun anhand von fünf Experimenten auf, dass bei Fleischessern die Anwesenheit eines Vegetariers – im Fall der Studie nicht direkt als Person, sondern  in Form einer Beschreibung – genügt, um die obengenannten Strategien der Dissonanzreduktion zu aktivieren.

 

Allein die Anwesenheit einer vegetarisch lebenden Person ist ausreichend, damit Fleischesser verstärkt versuchen, sich mit dem Thema des Tierleides nicht auseinanderzusetzen (Vermeidung), das Fleisch vom Tier zu trennen (Dissoziation), dem Tier eine Leidensfähigkeit abzusprechen (Leugnung des Tierleides), die geistigen Unterschiede zwischen Mensch und Tier zu betonen (Leugnung geistiger Prozesse beim Tier), Rechtfertigungen für ihren Fleischkonsum im Sinne einer Verkehrung in das Gegenteil vorzubringen (Pro-Fleisch-Argumentation) oder aber die mangelnde Wahl und Alternativlosigkeit des Fleischkonsums zu betonen.

 

In weiteren Einzelexperimenten wurde deutlich, dass diese Verleugnungs-, Verdrängungs- und Rechtfertigungsprozesse bei Fleischessern vor allem dann auftreten, wenn ein vorgestellter Vegetarier auch wirklich vegetarisch lebt, er sich aus freier Wahl entschieden hat, sich vegetarisch zu ernähren und sich nicht nur vegetarisch ernährt, sondern auch in anderen Lebensbereichen Wert darauf legt, Tierleid zu vermeiden. Außerdem nehmen Verleugnung, Rechtfertigung und Verdrängung zu, wenn Fleischesser damit konfrontiert werden, durch eine vegetarisch lebende Person moralisch bewertet zu werden.

 

Die Studie belegt erneut, dass Fleischessern das grundsätzliche tierleidbezogene Problem ihres Verhaltens bewusst ist. Deshalb reagieren sie in Anwesenheit von Vegetariern verstärkt mit Strategien der Leugnung, Verdrängung und Rechtfertigung, die bis hin zu einer sachlich unrichtigen Behauptung gehen können, selber Vegetarier zu sein.

 

Nicht nur der einzelne Fleischesser greift aber individuell auf Strategien der Verleugnung, Verdrängung und Rechtfertigung zurück, sondern diese Strategien werden auch gesamtgesellschaftlich vermittelt und vorgegeben:

 

In Anbetracht des Ausmaßes an tagtäglich verursachten Tierleides mit Abermilliarden jährlich getöteten Tieren als Resultat , ist das Ausmaß an Informationsvermittlung zu dieser Thematik in den Medien nur sehr gering. 

 

-  Auch wird in der fleischverarbeitenden Industrie, im Fleischverkauf und in der Gastronomie alles getan, um die Trennung des Produktes „Fleisch“ von dem lebenden und leidenden Tier zu perfektionieren. In der Werbung treibt dies Blüten bis hin zum fröhliche Hineinspringen von Tieren in Dosen.

 

-  Zudem wird in der Diskussion immer wieder beruhigend auf Tierschutzgesetze und Betäubungsmethoden verwiesen, obwohl diese in keiner Weise geeignet sind, das Tierleid zu beenden (siehe hier und hier).

 

-  Der Verweis auf die geistige Unterlegenheit der Tiere ist ebenfalls Standard und wird auch wissenschaftlich vorgetragen, obwohl die Frage der geistigen Leistungsfähigkeit von Fragen des Leidens und des Recht auf Lebens und Unversehrtheit zu trennen sind.

 

-  Zudem ist die Fleischindustrie nach allen Kräften bemüht, das Bild des gesunden Fleisches (Fleisch ist ein Stück Lebenskraft) zu vermitteln und – trotz zunehmender Belege für die gesundheitlichen Vorteile einer vegetarischen und speziell einer veganen Lebensweise – werden immer wieder bei angemessener Zusammenstellung der Ernährung unbegründete Ängste vor Mangelerscheinungen geschürt. Dies fördert die Ansicht einer Alternativlosigkeit und stützt gleichzeitig nach wie vor auftretende unreflektierierte Pro-Fleisch-Argumentationen, die sich beispielsweise auf Gesundheit, Geschmack, Genuss oder auch religiöse Gründe berufen.

 

-  Die aktuelle Diskussion über den Flexitarismus ist ebenfalls ein zweischneidiges Schwert. Einerseits mögen Themen, wie Flexitarier oder Teilzeit-Vegetarier, für das Problem des Fleischkonsums sensibilisieren. Anderseits besteht die Gefahr, dass illusorische Verhaltensänderungen angeregt werden, die in nichts weiterem bestehen, als dass Fleischesser sich nunmehr zu Flexitariern erklären.

 

Deutlich wird, dass Fleischesser, Vegetarier und Veganer im Grunde übereinstimmen, dass Fleischkonsum problematisch ist. Während Vegetarier und deutlich konsequenter Veganer hierauf mit einer Verhaltensänderung reagieren, versuchen Fleischesser demgegenüber das Leid, welches ihr Verhalten erzeugt, auszublenden, es zu bagatellisieren oder als alternativlos darzustellen. Für die Verbreitung der vegetarischen und veganen Lebensweise wird es von zentraler Bedeutsamkeit sein, diese Prozesse stärker ins gesellschaftliche und individuelle Bewusstsein zu rücken.

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